Gestern abend gab es bei Plasberg einmal mehr eine sinnlose Diskussionsrunde zum Abschalten. Es wurden Studien rauf und runter gebeten sowie subjektive Eindrücke und eigene Erlebnisse und Erfahrungen projeziert und verteidigt. Fazit: Kein Fazit. Ausschalten – selber denken!
Seit vielen vielen Jahren lässt sich über die “richtige” Art und Weise der Erziehung bereits vortrefflich streiten. Gehört das Kind an den Rockzipfel der Mutter (und des Vaters?), lieber frühe Sozialkompetenz durch Kita-Besuch fördern. Es gibt unzählige Studien zu diesem Thema. Wie so oft sind die Ergebnisse dieser Studien ebenso vielfältig wie die Meinungen der Diskussionsteilnehmer bei Plasberg.
Warum war und ist die Debatte so ziellos? Zum einen meint jeder seinen subjektiven Standpunkt verteidigen zu müssen und da nunmal jeder erzogen wurde, ist das eigene Selbstbild entweder das Nonplusultra der Erziehung oder das genaue Gegenteil, nämlich ein Negativbeispiel. Der Diskurs kämpft also mit einer Vielzahl von Laienmainungen. Wie so oft ist aber das Hauptproblem, dass ich für jede Laienmeinung bei der Vielzahl von Studien auch immer eine Expertenmeinung finde, die meinen Standpunkt stützt. So weit, so normal.
Grundsätzlich muss die Debatte in mindestens zwei Themenbereiche getrennt werden: 1. Den politischen Ansatz und 2. den persönlichen Anspruch und Gegebenheiten.
Zum politischen Ansatz ist folgendes zu sagen: In Deutschland war lange Jahre die Erziehung durch die Mutter (und später dann auch durch den Vater) das einzig Wahre. Mit der zunehmenden Berufstätigkeit von Müttern und der Verfachlichung des Themas Erziehung durch Pädagogen und Sozialwissenschaftler wurden frühkindliche Bildung in den letzten Jahrzehnten immer populärer. Doch was ist die politische Vision der kindlichen Erziehung? Hier fehlt es an einem langfristigen und einheitlichen Konzept. Bildung ist in Deutschland leider immer noch Ländersache. Ein Umstand, dessen Sinnhaftigkeit kein Normalsterblicher nachvollziehen kann. Gerade in der Frühkindlichen Bildung sollte ein bundeseinheitliches Konzept mit einer langfristigen Vision erarbeitet werden. Ein Beispiel aus der Praxis zum Kopfschütteln: In Hamburg hätten meine Frau und ich ziemliche Probleme bekommen einen Kita-Platz für unseren Sohn zu erhalten. Zudem hätten wir mehrere hundert Euro im Monat dafür bezahlen müssen. In Flensburg ist unser Sohn nun bei einer Tagesmutter mit nur vier weiteren Kindern, wird optimal betreut, die Gemeinde bezuschusst diese Betreuung, so dass wir 1,14€ pro Betreuungsstunde bezahlen. Monatlich sind das etwa 70€. Wie kann es zu solch eklatanten Unterschieden kommen? Noch verwunderlicher wird das Beispiel, wenn wir uns die Struktur der Familien und des Arbeitsmarktes angucken. In Hamburg, mit nahezu Vollbeschäftigung (ohne friktionelle und saisonale Arbeitslosigkeit) ist die Nachfrage nach Plätzen natürlich groß. Aber darf diese Nachfrage den Preis für die Erziehung unserer Kinder bestimmen? In der eher strukturschwachen Flensburger Gegend hingegen ist die Kinderbetreuung sehr erschwinglich und die Gemeinde fördert dies sogar, obwohl es arbeitsmarkttechnisch keinen Sinn macht, da es wenig freie Stellen gibt. Diese kommunalen und strukturellen Unterschiede mussen mittelfristig durch eine länderübergreifende Reform ausgeglichen werden. Es geht nur mit einer bundeseinheitlichen Vision.
Zum persönlichen Anspruch und Gegebenheiten: Gerade die Diskussion bei Plasberg hat gezeigt, dass kaum jemand in dieser Debatte versucht objektiv zu beurteilen. Warum das so ist, wurde oben bereits angerissen. Die Frage ist doch aber nicht allgemeingültig zu beantworten, denn jedes Kind ist anders! Verallgemeinert zu sagen, dass eine frühe Kita-Erziehung die soziale Kompetenz steigert mag in der Masse vielleicht stimmen. Was ist aber, wenn das Kind in der Gruppe nicht integriert wird und sich bereits früh als Außenseiter in der Gesellschaft wiederfindet? Muss eine Mutter dann “zum Wohle des Kindes” den kleinen Menschen heulend und strampelt vor Wut in die Kita geben? Nein, das muss sie natürlich nicht, denn in der Erziehung muss das gleiche gelten, wie bei den Eigenarten des Menschen – Jeder nach seiner Faßon! Eltern sind dafür verantwortlich (und vorerst nur die Eltern, nicht die Lehrer, nicht die Pädagogen…) ein Gleichgewicht für jedes einzelne Kind zwischen fördern und fordern zu finden. Das ist im Einzelfall schon schwer – in der Masse wird es dann komplex. Denn wie soll der Staat ein bundesweites Konzept erstellen, wenn es millionenfach anders geartete Wünsche und Erfordernisse gibt. Genau diese Problematik entspricht der Diskussion um die Dreigliedrigkeit des Schulsystems und ist ebenso von ideologischen und subjektiven Meinungen geprägt.
Abschließend muss der so häufig gebrauchte Spruch “Fördern und Fordern” auch für uns alle gelten. Der Staat muss uns, die Erziehenden und die zu erziehenden Kinder mit einer einheitlichen und umfassenden Erziehungspolitik fördern. Gleichzeitig müssen Eltern ihrer Verantwortung nachkommen und diese auch übernehmen.